Die Universität Zürich war weltweite Wegbereiterin für die ersten Doktorinnen der Chemie
Als erste Hochschule Europas hat die Universität Zürich Frauen zum Studium zugelassen und als erste der Welt einer Frau einen Doktortitel in Chemie verliehen. Die Akademie der Naturwissen¬schaften Schweiz ehrt die Hochschule nun als bedeutende historische Stätte der Chemie mit einem Chemical Landmark.

An der Rämistrasse 59, wo heute das Asien-Orient-Institut beheimatet ist, hat die Universität Zürich Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Im Chemielabor im Keller der ehemaligen Kantonsschule erforschte Lydia Sesemann vor über 150 Jahren die chemischen Eigenschaften der Dibenzylessigsäure und entdeckte ein neues Verfahren, um Homotoluylsäure herzustellen. Beide Säuren sind wichtige Ausgangsstoffe für die Herstellung von Medikamenten. Am 15. Mai 1874 verlieh die «hohe philosophische Facultät» der Universität Zürich der Chemikerin den Doktortitel. Die gescheite Finnländerin, wie sie von Zeitgenossen genannt wurde, ist die erste Frau der Welt, die in Chemie promovierte.
Zwischen Wissenschaft und Revolution
Für ihre Rolle als Wegbereiterin für die ersten Doktorinnen der Chemie wird die Universität Zürich von der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) nun mit dem Chemical Landmark geehrt. Mit diesem Preis zeichnet die SCNAT Wirkungsstätten in der Schweiz aus, die für die Chemie historisch bedeutend sind.
Dr. Sesemann blieb nicht die einzige Pionierin. Die Universität war zu dieser Zeit vielmehr ein Magnet für Chemikerinnen aus der ganzen Welt. Frauen, denen andernorts eine akademische Laufbahn verwehrt blieb, konnten hier ihren Wissensdurst stillen. So promovierten unter anderem Rachel Lloyd als erste Amerikanerin 1886, Olga Wohlbrück als erste Deutsche 1887, Geertruida W. P. van Maarseveen als erste Niederländerin 1897 und Edith E. Humphrey als erste Britin 1901 in Zürich.
In vielen Ländern war es Frauen verboten, ohne Erlaubnis ihres Vaters oder Ehemanns zu reisen. Um in der Schweiz studieren zu können, heirateten einige überstürzt oder gingen eine Scheinehe ein. Auffallend viele Studentinnen stammten aus dem Zarenreich, das sich im gesellschaftlichen Umbruch befand. Oft waren die Frauen politisch aktiv und hatten auch in Zürich Kontakt zu revolutionären Kreisen. 1873 erliess der Zar deshalb ein Dekret, das es russischen Frauen verbot, in Zürich zu studieren. Die meisten verliessen daraufhin die Stadt. Lydia Sesemann, deren Heimatland damals zum russischen Reich gehörte, blieb und schloss ihre Doktorarbeit ab. Ihre Dissertation sei zweifellos eine der besten Arbeiten der Fakultät, befand einer ihrer Doktorväter.
Kaum Schweizerinnen
Während ausländische Studentinnen an die Universität Zürich und andere Schweizer Hochschulen kamen, blieben Schweizerinnen zunächst grösstenteils aussen vor. Denn um studieren zu können, brauchten sie eine Matura. Der Besuch eines Gymnasiums war Mädchen aber nicht erlaubt. Um trotzdem an einer Universität zugelassen zu werden, mussten sie teure Privatkurse besuchen und eine extra Aufnahmeprüfung ablegen.
Die Universität Zürich war eine Vorreiterin, um die Türen zu Wissenschaft und tertiärer Bildung für Frauen zu öffnen. Trotzdem braucht es in der Schweiz weiterhin eine gezielte Förderung, bis eine gerechte Geschlechterverteilung erreicht ist. Erfolgreiche Initiativen an europäischen Forschungsinstitutionen können als Vorbild dienen.
Kontakt
Dr. Leo Merz
SCNAT
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